1894 erschien Thomas Hardys Roman «Jude the Obscure» als Fortsetzungsgeschichte in England, und die Empörung, die er auslöste, mag einer der Gründe sein, dass Hardy danach bloss noch Poesie verfasste. Inwieweit die Liebe unter Verwandten autobiographische Züge trägt, bleibt heute noch ungewiss; Hardy soll selbst in seine Cousine verliebt gewesen sein.
Jude (Christopher Eccleston, der mörderische Buchhalter aus Shallow Grave) möchte in Christchurch studieren, wird jedoch trotz fundierter Griechischkenntnisse nicht aufgenommen. Er findet Anstellung als Steinmetz und lernt seine Cousine Sue (Kate Winslet) kennen, eine junge, selbständige Frau, die durch ihre Unkonventionalität in der bigotten Gesellschaft aneckt. Die beiden verlieben sich ineinander, versuchen jedoch, ihre Leidenschaft unter Kontrolle zu halten. In einem masochistischen (Trotz-)Akt heiratet Sue den Schulmeister Philloston (Liam Cunningham), schliesslich ist ja Jude auch kirchlich getraut. Seine Affäre Arabella (Rachel Griffiths) brachte ihn mit der Behauptung, von ihm schwanger zu sein, vor den Altar. Als die Unterschiede der Tochter eines Schweinezüchters und des intellektuellen Jude zu gross wurden, reiste Arabella jedoch fort. Unzufrieden in ihrer Ehe wendet sich Sue immer mehr Jude zu. Auch Philliston merkt, wie sehr die beiden zueinander passen, und lässt Sue gehen. Für die beiden beginnt eine lange Reise durch England: Als unverheiratetes Paar will sie niemand aufnehmen, erst recht nicht mit den zwei Kindern, die unehelich gezeugt wurden. Sie sind ihrer Zeit voraus, doch trotz aller Diskriminierungen erklärt Sue in einer eindrücklichen Szene, weshalb sie ihre Liebe nicht schriftlich versprechen kann.
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durch ihre Schönheit und ihr sensibles Spiel. |
Es verwundert nicht, dass Hardys Roman vor hundert Jahren solchen Aufruhr verursachte, zweifelt er doch an Kirche und Sitten und prangert Bigotterie an. Winterbottom hat «Jude» in verhaltenen Farben verfilmt, und obwohl sich die Zeiten geändert haben, bleiben Film wie auch Roman modern. Ohne Gefühlsdudelei verkörpern Sue und Jude «grosse Gefühle», überzeugend gespielt von Eccleston und der ausdrucksvollen Kate Winslet. Die Landschaft allein (gedreht wurde in England, Edinburgh und Neuseeland) lohnt durch ihre Schönheit den Kinogang: Cinemascope scheint für das grossartige Festhalten der Bilder (Kamera: Eduardo Serra) das ideale Format.
Flavia Giorgetta

| Titel: | Jude | |
| Genre: | Drama | |
| Bewertung: | ****½ | |
| Länge: | 122 Minuten | |
| Regie: | Michael Winterbottom (Butterfly Kiss, Go Now) | |
| Drehbuch: | Hossein Amini (nach einem Roman von Thomas Hardy) | |
| Produktion: | Andrew Eaton, Stewart Till und Mark Shivas (exec) | |
| Kamera: | Eduardo Serra | |
| Musik: | Adrian Johnston | |
| Besetzung: | Kate Winslet (Heavenly Creatures, Sense and Sensibility) | |
| Christopher Eccleston (Anchoress, Shallow Grave) | ||
| Rachel Griffiths (Muriel's Wedding) | ||
| Liam Cunningham (Into the West, First Knight) | ||
| Technik: | Cinemascope | |
| Verleih: | Elite Film |